"Fliegen können"

 


Kommentar der Bücherloge e.V. Mecklenburg - Vorpommern:

Es ist Juli 1946 in einer kleinen mecklenburgischen Stadt. Ein zehnjähriges Mädchen schreibt Briefe an den Vater, der als Kriegsgefangener in einem Lazarett liegt. In den Briefen versucht das Kind, dem weit entfernten Vater und auch sich selbst Mut zuzusprechen. Spürbar wird die seelische Not des Mädchens, das den Vater vermisst, das unter der Einsamkeit leidet, dem das Schicksal Wunden schlägt, deren Vernarbung ein Leben braucht. Eingefügt sind Gedichte, die den Briefen eine zeitliche und räumliche Distanz geben, sie aus dem individuellen Erlebnisbereich herausheben. Diese Kraft des lyrischen Wortes öffnet den Weg hinter allem Zeitlichen liegenden Horizonten.



Gedichtbeispiel

Zwickau, 16. Juli 2000

Abgewandt

Hast du der Unterwelt Wasser getrunken
dann bist du verloren
Aber du missbrauchter Engel hebst drunten auf
das Herz und die Hand singt die es trägt
du schweigst dich fort
hinein in dein Gehen allein
im Abendgrauen unsichtbar
deine gebrochenen Flügel
Doch der Schmerz zerrt dein Haar und im Rücken
bleibt dunkel Erinnern

 

Briefbeispiel

Bad Doberan,  den 16. Juli 1946

Mein bester Paps!

Heute ist Mutti so leise aufgestanden, dass wir es nicht gehört haben. Nicht einmal Elke ist wach geworden, die sonst immer alles erlauscht. Erst um acht ist sie aus ihrem Gitterbett zu mir herübergeklettert. Da schien die Sonne schon schräg in unser Zimmer; und wir haben das Schattenspiel auf der Wand links neben unserem Bett beobachtet. Blumen und Blätter entdeckten wir dort auf der Tapete. Wenn der Wind durch die geöffnete Fensterklappe in in die Gardine mit dem Blumenmuster fuhr, half er der Sonne dabei, uns einen Sommergarten ins Zimmer zu holen....

 

Nähere Informationen

Briefe und Gedichte

115 Seiten

Broschur

Erschienen im Altstadt Verlag Rostock

Preis: 10,13 €

ISBN 3-930845-67-9